So entstanden die Mittelaltermärkte

Der erste Ritter war ein Ratinger

Wie das Mittelalter wieder in Mode kam:

Heutzutage gibt es an fast jedem Wochenende irgendwo in der näheren Umgebung einen Mittelaltermarkt. Zünftige Ritter tragen dort ihre Rüstungen spazieren und campieren in prächtig ausgestatteten Zelten, Gaukler tragen ihre Künste vor und markerschütternd laute Dudelsäcke spielen zum Tanz auf.

Karl Heinz Steinmetzer

Doch….wie kam es überhaupt dazu? Hier die wahre Geschichte wie das Mittelalter wieder hoffähig wurde.
Vor nunmehr rund 40 Jahren beschloss ein Mann aus Ratingen mittelalterlich zu heiraten. Überhaupt war er der festen Ansicht, der liebe Gott habe ihn dummerweise ins falsche Jahrhundert versetzt. Er träumte von Rittern, edlen Damen, historischer Musik und dem ganzen bunten Treiben darum herum. Anders als heutzutage gab es damals jedoch nichts fertig zu kaufen, das auch nur annähernd mittelalterlich gewesen wäre….von lächerlichen Karnevalskostümen einmal abgesehen. Das störte den Mann allerdings nicht denn er war Werkzeugmacher bei Jagenberg und handwerklich das wohl vollkommenste Allroundgenie, das je gelebt hat. Er konnte ebenso gut nähen wie Instrumente bauen, alte Kutschen restaurieren oder Kettenhemden knüpfen.
steinmetzer3Er besuchte Museen in ganz Europa, studierte jedes Buch, das ihm in die Finger kam und nähte dann seine ersten Kleider für seine Frau und sich. Das alles war – wie gesagt – zunächst nur für eine Hochzeit gedacht. Um diese auch musikalisch untermalen zu können entwarf und baute er entsprechende Trompeten, Fanfaren und Trommeln…natürlich ebenfalls nach historischen Vorlagen und in reiner Handarbeit.
Um die Szenerie mit Leben zu erfüllen, sollen zudem ein paar Ritter nebst Gefolge her. Und so baute er die allerersten Ritterrüstungen, die Deutschland seit dem 16. Jahrhundert gesehen hatte; alles eigenhändig, versteht sich. Und alles ohne Tutorials aus dem Internet!

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Die etsten Ritterhelme

Der Mann von dem ich hier spreche war Karl Heinz Steinmetzer oder Karolus Henrikus von Stein, wie er sich von da ab nannte. Und als er die kleine Truppe so vor sich sah, da kam ihm die nächste geniale Idee. Was, wenn diese Ritter nicht nur einfach so dastehen würden? Könnte man gar ein richtiges Ritterturnier aus dem

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selbstgebaute Trompeten

Mittelalter wiederbeleben?
Karl Heinz wäre nicht Karl Heinz gewesen wenn es bei der Idee geblieben wäre.
Fluchs gründete er einen Verein, den er „Düsseldorfer Lehnsritter und Stadttrompeter“ nannte und begann mit der Ausbildung und Ausstattung der Ritter. Diese setzten sich aus bereits erfahrenen Reitern zusammen, doch keiner hatte je eine mittelalterliche Lanze in der Hand gehabt. So trafen sie sich fortan regelmäßig um zu üben was eigentlich undenkbar war. Als sie glaubten, den Dreh raus zu haben, versammelten sie sich zum ersten großen Turnier. Das fand im Jahre 1980 auf den Rheinauen in Kaiserswerth statt und zwar anlässlich eines Kaiserswerther Jubiläums.

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Die ersten Lehnsritter

Das kam so gut an, dass Karl Heinz daraufhin beschloss, ein solches Spektakel fortan in einem würdigen Umfeld stattfinden zu lassen und zwar mindestens einmal im Jahr. Seine Suche nach einer zünftigen Burg führte ihn nach Satzvey wo er mit dem Grafen Beissel von Gymnich den Deal seines Lebens schloss, der die Freizeitgestaltung der Deutschen für immer verändern sollte und, nebenbei gesagt, dem Grafen nicht gerade zum Nachteil gereichte.
Noch heute schwelgt der Graf in Erinnerungen an jenen Tag als „Kunibert der Fiese“ vor ihm stand, gekleidet in Ringelsocken und mit Prinz Eisenherz-Frisur und ihm mit ernster Mine beteuerte, er kenne ihn, den Grafen, bereits aus einem früheren Leben wo er als Ritter auf Burg Satzvey gekämpft habe. Das wolle er nun wiederbeleben; die passenden Ritter und das ganze Gefolge habe er praktischerweise bereits.
Als im Jahr 1981 das erste Ritterturnier auf Burg Satzvey abgehalten wurde, wurde gleichzeitig die Blaupause für alle späteren Turniere und Mittelalterfeste geschaffen, die darauf folgten…und das bis heute.
Doch es sah ganz anders aus als heute…und es klang auch anders.
Was man im Mittelalter trug, das bestimmten damals keine selbsternannten A-Gurus, sondern man lehnte sich an historische Abbildungen und Museumsstücken an. Wer heute Ritter sein will, der kauft sich ein Kettenhemd für 80 Euro. Die ersten Lehnsritter arbeiteten hingegen Jahre an einem solchen Stück. Und Dudelsäcke gab es auch noch nicht. Zumindest nicht auf Mittelaltermärkten. Sie kamen erst nach dem Mauerfall aus den neuen Bundesländern zu uns und etablierten sich schnell zur typischen Mittelaltermarkt-Musik.
Vor rund 25 Jahren dann gründeten die Ritter der Düsseldorfer Lehnsritter, zusammen mit fast allen anderen Mitgliedern, einen neuen Verein, die Bergischen Lehnsritter. Grund war eine Meinungsveschiedenheit über eine neue Location, wo man von nun ab alljährlich ein großes, international besetztes Turnier abhalten wollte – Zons.
Von den Bergischen Lehnsrittern spalteten sich im Laufe der Jahre unzählige Mittelalter- und Stuntgruppen ab, die die Szene mit mehr oder weniger spektakulären Turnieren und historischen Auftritten belebten. Aber sie bleiben bis heute die Keimzelle des Mittelalters in Deutschland.

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Die Lehnsritter 1985 in Satzvey
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Die Lehnsritter 2016 im Hofgarten in Düsseldorf

Damals…

…und heute

Habt Ihr es gemerkt? Die Protagonisten sind teilweise die gleichen. Sie sind nur viel viel weisser (und weiser) geworden. Philosopohiert Freidhelm von Büderich im ersten Video noch über sein Kettenhemd, so pflegt er im zweiten seinen Falken. Jup, der gleiche Mann!!

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